e⁻
Ox
Red

Redoxreaktionen

Wie Elektronen zwischen Teilchen wandern – vom rostenden Eisennagel bis zur Fehling-Probe im Reagenzglas.

Alltagsbezug: Rost und Wärmepflaster

Ein rostender Eisennagel und ein selbsterwärmendes Wärmepflaster haben mehr gemeinsam, als man denkt: In beiden Fällen gibt Eisen Elektronen an Sauerstoff ab. Beim Rosten passiert das langsam und unerwünscht, im Wärmepflaster wird die freiwerdende Energie gezielt als Wärme genutzt.

Schon aus der Sekundarstufe I kennst du Oxidation als „Reaktion mit Sauerstoff". Jetzt betrachten wir das allgemeiner: Genau wie bei Säure-Base-Reaktionen ein Proton wandert, wandert bei Redoxreaktionen ein Elektron von einem Donator zu einem Akzeptor – das Donator-Akzeptor-Prinzip in seiner zweiten großen Ausprägung.

1. Das Donator-Akzeptor-Prinzip bei Redoxreaktionen

Bei einer Redoxreaktion überträgt ein Teilchen Elektronen auf ein anderes. Das eine gibt Elektronen ab (Oxidation), das andere nimmt sie auf (Reduktion). Da Elektronen nicht „verschwinden" können, laufen beide Teilreaktionen immer gleichzeitig ab.

Reduktionsmittel

Ein Teilchen, das Elektronen abgibt – es wird dabei selbst oxidiert.

  • Wird als Elektronendonator bezeichnet
  • Seine Oxidationszahl steigt
  • Beispiel: \(\ce{Zn}\), \(\ce{Fe}\), \(\ce{CO}\)

Oxidationsmittel

Ein Teilchen, das Elektronen aufnimmt – es wird dabei selbst reduziert.

  • Wird als Elektronenakzeptor bezeichnet
  • Seine Oxidationszahl sinkt
  • Beispiel: \(\ce{Cu^2+}\), \(\ce{Ag+}\), \(\ce{O2}\)

Korrespondierende Redoxpaare

Genau wie Säure und Base ein korrespondierendes Paar bilden, gehören auch oxidierte und reduzierte Form eines Teilchens zusammen – sie unterscheiden sich um eine bestimmte Anzahl Elektronen:

\[\ce{Ox + z e^-} \rightleftharpoons \ce{Red}\]

Beispiele für solche Redoxpaare: \(\ce{Fe^3+}/\ce{Fe^2+}\), \(\ce{Ag+}/\ce{Ag}\) und \(\ce{Cl2}/\ce{2Cl^-}\). Eine vollständige Redoxreaktion entsteht immer aus zwei solchen Paaren – dem Reduktionsmittel-Paar (gibt Elektronen ab) und dem Oxidationsmittel-Paar (nimmt sie auf).

2. Die Redoxreihe der Metalle

Nicht jedes Metall gibt seine Elektronen gleich bereitwillig ab. Ordnet man Metalle nach dieser Bereitschaft, erhält man die Redoxreihe (auch Spannungsreihe genannt). Sie erlaubt eine wichtige Vorhersage: Ein unedles Metall (starkes Reduktionsmittel) gibt seine Elektronen an das Ion eines edleren Metalls ab – nicht umgekehrt.

unedel
starkes Reduktionsmittel
Mg Al Zn Fe Pb Cu Ag Au
edel
Ionen sind starke Oxidationsmittel

Beispiel: Eisennagel in Kupfersulfatlösung

Taucht man einen Eisennagel in Kupfer(II)-sulfatlösung, überzieht er sich mit einer rötlichen Kupferschicht – Eisen steht links von Kupfer in der Redoxreihe, ist also unedler:

\[\ce{Fe + Cu^2+} \rightleftharpoons \ce{Fe^2+ + Cu}\]

Umgekehrt passiert nichts: Ein Kupferblech in Eisen(II)-sulfatlösung bleibt unverändert, da Kupfer edler als Eisen ist und seine Elektronen nicht an \(\ce{Fe^2+}\) abgibt.

3. Oxidationszahlen bestimmen

Um Redoxreaktionen auch dann zu erkennen, wenn keine einfachen Ionen beteiligt sind (z. B. bei organischen Verbindungen), verwendet man Oxidationszahlen. Sie geben an, welche Ladung ein Atom hätte, wenn man sich alle Bindungen als vollständig ionisch vorstellt.

Regeln zur Bestimmung der Oxidationszahl

  • Elemente im elementaren Zustand haben die Oxidationszahl 0 (z. B. \(\ce{Fe}\), \(\ce{O2}\), \(\ce{Cl2}\)).
  • Einatomige Ionen haben als Oxidationszahl ihre Ionenladung (z. B. \(\ce{Na+}\): +I).
  • Wasserstoff hat in Verbindungen meist die Oxidationszahl +I (Ausnahme: Metallhydride wie \(\ce{NaH}\): -I).
  • Sauerstoff hat in Verbindungen meist die Oxidationszahl -II (Ausnahme: Peroxide wie \(\ce{H2O2}\): -I).
  • Das elektronegativere Bindungspartner-Atom erhält die negative Oxidationszahl, das elektropositivere die positive.
  • Die Summe aller Oxidationszahlen ergibt bei einem neutralen Molekül 0, bei einem Ion die Ionenladung.

Beispiel: Mangan in Kaliumpermanganat

Gesucht ist die Oxidationszahl von Mangan in \(\ce{KMnO4}\):

\[ \underbrace{+\text{I}}_{K} + x + 4 \cdot \underbrace{(-\text{II})}_{O} = 0 \]

Aufgelöst: \(x = +\text{VII}\). Mangan liegt hier in der höchstmöglichen Oxidationsstufe vor – \(\ce{KMnO4}\) ist deshalb ein starkes Oxidationsmittel.

4. Redoxgleichungen mit Teilgleichungen aufstellen

Jede Redoxreaktion lässt sich in zwei Teilgleichungen zerlegen: eine für die Oxidation, eine für die Reduktion. Da die Anzahl abgegebener und aufgenommener Elektronen gleich sein muss, müssen die Teilgleichungen vor dem Zusammenführen oft noch mit einem Faktor multipliziert werden.

Beispiel: Eisen reduziert Silber-Ionen

Oxidation (Elektronenabgabe durch Eisen):

\[\ce{Fe -> Fe^2+ + 2 e^-}\]

Reduktion (Elektronenaufnahme durch Silber-Ionen) – hier muss mit 2 multipliziert werden, damit die Elektronenzahl passt:

\[\ce{2 Ag+ + 2 e^- -> 2 Ag}\]

Beide Teilgleichungen addiert – die Elektronen kürzen sich heraus:

\[\ce{Fe + 2 Ag+ -> Fe^2+ + 2 Ag}\]

Das ist die vollständige Redoxgleichung: Eisen (Reduktionsmittel) gibt zwei Elektronen an zwei Silber-Ionen (Oxidationsmittel) ab.

5. Interaktiv: Läuft die Reaktion ab?

Wähle ein Metall (als Feststoff, mögliches Reduktionsmittel) und ein Metall-Ion (in Lösung, mögliches Oxidationsmittel) aus. Anhand der Redoxreihe wird geprüft, ob eine Reaktion abläuft, und die Reaktionsgleichung mit Teilgleichungen angezeigt.

Wichtig: Redoxreihe gilt nur für Metalle untereinander

Die gezeigte Redoxreihe erlaubt Vorhersagen für Reaktionen zwischen einem Metall und dem Ion eines anderen Metalls. Für Nichtmetall-Redoxpaare wie \(\ce{Cl2}/\ce{2Cl^-}\) gilt dasselbe Prinzip – oxidierte und reduzierte Form stehen sich in einer eigenen Reihe gegenüber –, die Position lässt sich aber nicht direkt mit der Metallreihe vergleichen.

6. Angewandte Redoxreaktionen

Redoxreaktionen stecken hinter vielen technischen Verfahren und Alltagsnachweisen. Drei Beispiele zeigen, wie vielseitig das Donator-Akzeptor-Prinzip genutzt wird.

Oxidationsreihe vom Alkanol zur Alkansäure

Ethanol lässt sich in zwei Oxidationsschritten bis zur Essigsäure oxidieren – die Oxidationszahl des funktionellen Kohlenstoff-Atoms steigt dabei schrittweise:

\[\ce{CH3CH2OH ->[Ox.] CH3CHO ->[Ox.] CH3COOH}\]

Ethanol (Alkanol) → Acetaldehyd (Aldehyd) → Essigsäure (Alkansäure). Diese Reaktion wird technisch zur Essigherstellung genutzt.

Rohstoffgewinnung: Eisen im Hochofen

Im Hochofen wird Eisenerz durch Kohlenstoffmonoxid reduziert – eine Redoxreaktion im industriellen Maßstab:

\[\ce{Fe2O3 + 3CO -> 2Fe + 3CO2}\]

\(\ce{CO}\) ist das Reduktionsmittel (wird zu \(\ce{CO2}\) oxidiert), \(\ce{Fe2O3}\) das Oxidationsmittel (das \(\ce{Fe^3+}\) wird zu elementarem Eisen reduziert).

Redoxtitration & Nachweis der Aldehyd-Gruppe

Wie bei der Säure-Base-Titration lässt sich auch bei Redoxreaktionen die Konzentration eines Oxidations- oder Reduktionsmittels durch Titration bestimmen – der Endpunkt ist hier erreicht, sobald der vollständige Elektronenübergang stattgefunden hat.

Ein bekannter qualitativer Nachweis ist die FEHLING-Probe: Die reduzierende Wirkung der Aldehyd-Gruppe wird genutzt, um Aldehyde nachzuweisen. Die Aldehydgruppe wird zur Carboxygruppe oxidiert (Reduktionsmittel), während komplexiertes \(\ce{Cu^2+}\) zu ziegelrotem \(\ce{Cu2O}\) reduziert wird (Oxidationsmittel) – ein positiver Nachweis zeigt sich durch den charakteristischen Farbumschlag von Blau nach Ziegelrot.

7. Übungen

Übung 1: Oxidationszahlen in der Oxidationsreihe

Bestimme die Oxidationszahl des funktionellen Kohlenstoff-Atoms in Ethanol (\(\ce{CH3CH2OH}\)), Acetaldehyd (\(\ce{CH3CHO}\)) und Essigsäure (\(\ce{CH3COOH}\)). Zeige damit, dass es sich tatsächlich um eine Oxidationsreihe handelt.

Übung 2: Redoxgleichung mit Teilgleichungen

Ein Eisennagel wird in Kupfer(II)-sulfatlösung getaucht. Formuliere die Oxidations- und die Reduktions-Teilgleichung sowie die vollständige Redoxgleichung.

Übung 3: Vorhersage mit der Redoxreihe

Ein Kupferblech wird in Silbernitratlösung getaucht. Läuft eine Reaktion ab? Begründe mithilfe der Redoxreihe und formuliere gegebenenfalls die Reaktionsgleichung.

Übung 4: FEHLING-Probe deuten

Bei der FEHLING-Probe mit einer Aldehydlösung entsteht ein ziegelroter Niederschlag. Erkläre, welches Teilchen oxidiert und welches reduziert wird, und benenne Oxidations- und Reduktionsmittel.

8. Zusammenfassung

Wichtigste Punkte

  • Redoxreaktionen sind Elektronenübertragungen (Donator-Akzeptor-Prinzip)
  • Oxidation (Elektronenabgabe) und Reduktion (Elektronenaufnahme) laufen immer gleichzeitig ab
  • Die Redoxreihe der Metalle erlaubt Vorhersagen, welche Reaktionen ablaufen
  • Oxidationszahlen machen Redoxreaktionen auch bei kovalenten/organischen Verbindungen erkennbar

Schlüsselbegriffe

  • Oxidationsmittel: nimmt Elektronen auf (Elektronenakzeptor)
  • Reduktionsmittel: gibt Elektronen ab (Elektronendonator)
  • Oxidationszahl: gedachte Ladung eines Atoms bei rein ionischer Betrachtung
  • Redoxreihe: Anordnung der Metalle nach ihrer Elektronenabgabe-Bereitschaft

Klausurtipps:

  • Formuliere Redoxgleichungen immer über die zwei Teilgleichungen – so übersiehst du keine Elektronenbilanz.
  • Bestimme bei unklaren Fällen zuerst systematisch alle Oxidationszahlen, statt zu raten.
  • Nutze die Redoxreihe nur für Metall-gegen-Metall-Vorhersagen, nicht für Nichtmetall-Redoxpaare.